Huter des "friedlichen Himmels"
Moskau - Wenn es
ein Selbstmord gewesen sein sollte, wie die Behorden der kasachischen Ex-Metropole Almaty
zunachst verbreiteten, dann war es wohl der sonderbarste, der je stattgefunden hat.
Samanbek Nurkadilow wurde mit drei SchuBwunden tot in seinem Haus aufgefunden. Zwei Kugeln
hatten seinen Brustkorb durchschlagen, eine dritte seinen Kopf. Neben ihm lag ein
durchschossenes Kopfkissen.
Der Fall
Nurkadilow, der sich Anfang November ereignete, uberschattete den
Prasidentschaftswahlkampf in Kasachstan, der am Sonntag mit der Wahl des neuen
kasachischen Staatsoberhauptes gipfelt. Nurkadilow war einst enger Vertrauter des
aktuellen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch neuen Prasidenten des Landes, Nursultan
Nasarbajew. Der 61jahrige war bis zum vergangenen Jahr als Regierungsmitglied zunachst ein
wichtiger Verbundeter des Staatschefs. Er verlor seinen Kabinettsposten, nachdem er
Nasarbajew des Autoritarismus geziehen und ihn zum Rucktritt aufgefordert hatte.
Mit seinem
gewaltsamen Tod verstummte einer der entschiedensten Kritiker des kasachischen
Prasidenten, der das mittelasiatische Land seit uber 25 Jahren beherrscht. Bereits 1977
war Nasarbajew in die Spitze der kasachischen KP aufgeruckt, deren Fuhrung er 1989
ubernahm. Er war flexibel genug, um im April 1990 Interimsprasident in dem gerade
unabhangig gewordenen Kasachstan zu werden. Ein Jahr spater gewann er die ersten
Prasidentschaftswahlen.
Nachdem er sich
1995 seine Amtszeit mittels eines Referendums hatte verlangern lassen, wurde er 1999
erneut gewahlt. Westlichen Standards entsprachen alle diese Urnengange kaum. Auch jetzt
zweifelt kaum ein Kasache daran, daB sein neuer Prasident wieder Nursultan Nasarbajew
heiBen wird. Es steht zu erwarten, daB er bereits im ersten Wahlgang uber die
50-Prozent-Marke gelangen wird. Keiner seiner vier Konkurrenten hat dem Mann mit dem
Amtsbonus, dem gesamten Regierungsapparat sowie der Parlamentsmehrheit im Rucken etwas
Ernsthaftes entgegenzusetzen. Scharmachan Tujakbai, Chef des Oppositionsbundnisses
"Fur ein gerechtes Kasachstan", der "Ak Schol"-Fuhrer Alichan
Baimenow, der Kommunist Erasil Abylkassymow sowie der Vertreter der okologischen Partei,
Melsa Eleussisow, kampfen nach Meinung von Beobachtern am Ort eher untereinander um die
zweite und dritte Position hinter dem wahrscheinlichen Sieger Nasarbajew.
Der gilt vielen
seiner Landsleute ungeachtet der Tatsache, daB die Opposition ihm Korruption in den
hochsten Etagen der Macht, Clanwirtschaft, personliche Bereicherung sowie ungerechte
Verteilung der Einnahmen aus dem Erdolreichtum vorwirft, als Garant der Stabilitat, des
inneren Friedens und eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der freilich viele nicht
erreicht.
"Unsere
Haupterrungenschaften unter Nasarbajew sind ein friedlicher Himmel und der ruhige Schlaf
unserer Kinder", preist einer seiner Wahlkampfmanager den Spitzenkandidaten an. Man
brauche doch nur nach Kirgisien, Usbekistan oder in die Ukraine zu schauen, um den Wert
der Stabilitat zu erfassen.
Die Welt, 2 Dezember, Manfred QUIRING |